Robert Walser und die Mikrogramme

In den Zwanzigern und anfangs der Dreißiger Jahre führt Robert Walser in Bern ein zurückgezogenes Leben als Feuilletonist im "Prosastückligeschäft", wie er es nennt. Er schreibt für Zeitungen, Zeitschriften, für solche in Berlin oder Prag. Er hat aufgehört, am literarischen Erfolg festzuhalten. Er beherrscht als einstiger Kopist in Schreibstuben diverse Schreibstile perfekt. Den Schriftstellerberuf identifiziert er gewissermaßen mit dem Schönschreiben. Von den Verlagen erfährt er nur mehr Ablehnung. Aber er schreibt weiterhin unentwegt, allerdings in einer Art, die auf berückende Weise seinen Rückzug aus dem öffentlichen Leben wiederspiegelt: Die literarischen Arbeiten entstehen mit spitzem Bleistift und in mit bloßem Auge unlesbarer Miniaturschrift. Es war eine "Zeit der Zerrüttung", schreibt er, "die sich gleichsam in der Handschrift, im Auflösen derselben abspielte".

Mit Robert Walsers neuer Schreibmethode, die das Geheime bevorzugt, entstehen auf kleinstem Raum eine enorme Anzahl von Texten. Die verkleinerte Süterlinhandschrift überwuchert Papierfetzen in dichten Graphitspuren und bis eng an ihre Kanten.

Einen Teil dieser sonderbaren Bildchen "übersetzt" der Autor Robert Walser nachträglich in ein normales Schriftbild, mit Tinte und Feder für potentielle Leser. Eine qualvolle Fleißarbeit. Sie überanstrengt Augen und Gedächtnis. Es ist der Weg zurück zum Leser. Mit den Jahren hingegen perfektioniert Walser seinen Schreibstil mit dem Bleistift. Wobei die Buchstaben kleiner werden und sich immer mehr dem Abschreiben entziehen, sich im Unendlichen verdichten und verflüchtigen.

Ein Grossteil der Bleistiftminiaturen bleibt von ihm selbst unübersetzt. Ihre Existenz wirkt auf die Um- und Nachwelt derart rätselhaft, dass es einiger Umwege bedurfte bis die darin versteckten Zeugnisse der Walserschen Fabulierlust und sprachlichen Präzision entdeckt werden konnten. Die Schuhschachtel, welche die Schwester Lisa dem Vormund und späteren Nachlassverwalter Walsers, Carl Seelig, überreicht hat, machte einen eher unnützen Eindruck. Ihr Inhalt bestand aus einem nur scheinbar kümmerlichen Vermächtnis: Von Robert Walser bekritzelte kleingeschnittene, oft bereits bedruckte Papierabfälle, alte Postkarten, Briefumschläge aus dem privaten und geschäftlichen Postverkehr - die sogenannten Mikrogramme.

Lange nach Walsers Tod kam es in den 70-er Jahren zu den ersten Entzifferungen der "Mikrogramme" durch Jochen Greven, dem Herausgeber der Gesamtwerksausgabe. Ein Jahrzehnt später führten Bernhard Echte und Werner Morlang in Zürich mit starken Lupen und viel detektivischem Gespür das Entzifferungsprojekt über viele Jahre fort. Das Zürcher Robert Walser-Archiv publizierte 2000 unter dem Titel "Aus dem Bleistiftgebiet" die Gesamtausgabe der Mikrogramme. Darin sind neue, bislang unbekannte Texte Robert Walsers enthalten, auch Gedichte und dramatische Szenen. Sie finden im "Kleinen Welttheater" zur Uraufführung.

Die Mikrogramme verkörpern und verwirklichen eine für Robert Walser typische Lebensweise des Sich-Klein-Machens, des Verkleidens oder der spielerischen Maskerade. Sie offenbaren eine bezaubernde poetische Landschaft, erschrieben mit empfindlicher Gefühlsschärfe und gelöstem Humor, dem Unbewussten zugewandt: "Mir schien unter anderem, ich vermöge mit dem Bleistift träumerischer, ruhiger, behaglicher, besinnlicher zu arbeiten, ich glaubte die beschriebene Arbeitsweise wachse sich für mich in einem eigentümlichen Glück aus."

Nie beeindruckte mich die sentimentale Idee, man könnte mich für artistisch irregegangen halten.
Schlankweg gebe ich zu, dass ich’s nicht übers Herz brachte, mir zu verbieten, bis zu gewissen Grenzen zu bummeln.
Robert Walser