Robert Walser zu Theater und Leben

Wir leben jetzt in einer merkwürdigen Zeit, wiewohl vielleicht alle Zeiten irgend so etwas Zeitlich-Merkwürdiges jeweilen an sich gehabt haben. Item, die unsrige scheint mir sehr, sehr merkwürdig, besonders dann, wenn ich so, wie ich es gerade jetzt tue, meinen Finger an die Nase lege, um darüber nachzudenken, was es eigentlich mit diesem Leben, das wir jetzt mit aller Macht in die Bühne hinaufstopfen, für eine Bewandtnis hat. Wir füttern jetzt die Bühne mit Leben, dass sie wahrhaftig genug zu fressen hat. Der hinterste und verborgenste Dichter präsentiert dem Theater irgendwelches hinterste und verborgenste Stücklein Leben. Wenn das derart schwungvoll weitergeht, wird das Leben bald wie eine schwindsüchtige Kranke platt daliegen, ausgesogen und bis an die Rippen ausgepumpt, während das Theater so fett, behäbig und vollgestopft sein wird, ungefähr wie ein Ingenieur, der mit seinen patentierten Unternehmungen Glück gehabt hat und sich nun alles, was die Welt an Genüssen bietet, gestatten darf.

Die Bühne braucht Leben! Ja, aber Herrgottsack, woher all das gute, solide, wahrhaftige Leben nur immer nehmen? Aus dem Leben, nicht wahr? Ja, aber ist denn das Leben gar nur so unerschöpflich? Meiner Ansicht nach ist es nur insofern unerschöpflich, als man es ruhig, flüssig und breit, wie einen wilden, schönen Strom seine natürliche Bahn weiterziehen lässt. Man möchte aber bald des Glaubens werden, wir gebildeten Tröpfe von Menschen seien nur noch Ausbeuter, Ausklopfer des Lebens, nicht die natürlichen Kinder desselben. Gerade, als ob das Leben ein großer, staubichter Teppich wäre, der jetzt in diesem unserm Zeitalter über die Stange gehängt und tüchtig geklopft werden sollte. Sogar die Zahntechniker, nachdem sie die Lulu gesehen haben, fangen jetzt an, die Züge und Muskeln des Lebens zu studieren, als gälte es, eine alte Leiche aufzuschneiden, um die Stücke davon auf die Bühne zu schleudern.

Die Sache ist die: je lebhafter und natürlicher es auf dem Theater aussieht, desto ängstlicher, behüteter, geärgerter und gepolsterter wird es im täglichen Leben ausschauen. Die Bühne übt, wenn sie Wahrheiten ausklopft, einen verschüchternden Einfluss aus; wenn sie aber, was sie etwa früher noch ein bisschen getan hat, goldene, ideale Lügen in großer, unnatürlich-schöner Form ausspinnt, so wirkt sie aufreizend und ermunternd und fördert wiederum die schönen, krassen Gemeinheiten des Lebens. Man ist dann eben im Theater gewesen und hat sich an einer fremden, edeln, schönen, sanften Welt berauscht. Gebt acht mit euern ungezügelten Naturstücken, dass das Leben nicht eines Tages versickert. Ich bin für ein Lügentheater, Gott helfe mir.

Robert Walser (1878 - 1956): Lüge auf die Bühne
Juli 1907 in "Die Schaubühne"

Robert Walser: Bedenkliche Geschichten.
Prosa aus der Berliner Zeit 1906 - 1912,
Sämtliche Werke, hrsg. v. Jochen Greven,
Suhrkamp Verlag: Zürich, Frankfurt a.M. 1985