Die Inszenierung

Der Dichter Robert Walser (1878-1956), der zu den wichtigsten Autoren des letzten Jahrhunderts gehört, verfasste zwischen 1926 und 1933 auf hunderten von losen Zetteln, Briefumschlägen und Visitenkarten in winziger Schrift Prosastücke, Gedichte und dramatische Szenen: die Mikrogramme, die erst vor kurzem nach 19jähriger Entzifferung durch Bernhard Echte und Werner Morlang veröffentlicht wurden.

Der Regisseur Christian Bertram präsentiert nun zum ersten Mal mit einem deutsch-schweizerischen Ensemble einen Zyklus von 16 Dramoletten und Minidramen aus dem "Bleistiftgebiet" als ein Welttheater im Kleinen.

Foto: © David Baltzer/ZENIT

Zeitalter und Epochen verdichten sich zu einer Parabel des Lebens und der Kunst. Man begegnet den für Walser typischen, sonderbaren und abenteuerlichen Geschöpfen: Marta im Park, dem Zimmermädchen im Hotel, einer zum Hungern verurteilten Chinesin, Lizzy aus Missouri, dem Lächler, Irma und ihrem Retter im Grunewald, Napoleon im Liebestaumel, Lady und Lord in London, Casanova in Venedig. Die Kabinettstücke Walsers erinnern an Bilder der Kleinmeister in der Malerei, an das italienische Maskenspiel oder an den amerikanischen Vaudeville. Alles unterliegt einer uneigentlichen Bestimmung, ist wie es ist - nur ein klein wenig anders. Tragisches wandelt sich in Aberwitzig-Komisches und Beglückendes, Traum und Wirklichkeit durchdringen sich. Beiläufige Ereignisse werden zum Gegenstand unbeschwerten Experimentierens um die Rollen, die das Leben selbst schreibt. Die Aufführung ist ein weiterer Beleg für die praktische Philosophie Robert Walsers, ein Plädoyer für die Kraft des Zarten und eine Ästhetik des Offenen.

Es spielen Astrid Gorvin, David Imhoof, Christina Kraft, Marcus Reinhardt, Dominik Stein, Kaspar Weiss und Sabine Werner. Gisela Pestalozza entwarf die Kostüme, der Architekt Max Dudler den Walser-Kubus. Hans Peter Kuhn komponierte die Musik, Boris Kahnert schuf ein farbintensives Licht.

Bisher 22 Vorstellungen in Deutschland, der Schweiz und Dänemark.

Lesehinweise:

Giorgio Agamben: Warum war und ist Robert Walser so wichtig?
Walsers philosophischer Spaziergang.

Franz Blei: Das Walser
Robert Walser: Lüge auf die Bühne
Walter Benjamin über Robert Walser

Spieltermine: Alle bisherigen Vorstellungen auf einen Blick.
Begleitprogramm: Zwei Lesungen und eine Podiumsdiskussion in der Akademie der Künste
mit Adolf Muschg, Giorgio Agamben, Peter Utz u.a..

Robert Walser
Aus dem Bleistiftgebiet
Mikrogramme 1924-1932, 6 Bände
hrsg. v. Bernhard Echte u. Werner Morlang
Suhrkamp Verlag